Welcher Beruf passt zu mir? Methoden, die wirklich helfen
Die Frage klingt einfach, und trotzdem drehen sich viele Menschen damit jahrelang im Kreis. Das liegt selten an fehlenden Optionen, sondern meistens daran, dass sie nur nachdenken und nichts ausprobieren. Hier lernen Sie sechs Methoden kennen, die sich in der Berufsberatung bewährt haben, und wie Sie sie kombinieren, damit am Ende eine Entscheidung steht.
Warum Nachdenken allein selten reicht
Wer sich fragt, welcher Beruf passt, sucht oft nach der einen richtigen Antwort. Die gibt es meistens nicht. Fast jeder Mensch könnte in mehreren Berufen zufrieden sein, wenn die wichtigsten Bedingungen stimmen. Das Ziel ist also nicht, den perfekten Beruf zu finden, sondern eine Richtung, die zu Ihren Interessen, Fähigkeiten und Werten passt, und diese im echten Leben zu überprüfen.
Dafür brauchen Sie zwei Arten von Methoden: solche, die Ihnen helfen, sich selbst besser zu verstehen, und solche, die Ihnen zeigen, wie ein Beruf im Alltag tatsächlich aussieht.
Methode 1: Die Energie-Liste
Schreiben Sie zwei Wochen lang auf, bei welchen Tätigkeiten Sie die Zeit vergessen und welche Sie auslaugen. Das gilt für den Job, das Studium, die Ausbildung, aber auch für Freizeit und Ehrenamt.
Nach zwei Wochen suchen Sie nach Mustern. Typische Fragen:
- Arbeiten Sie lieber mit Menschen, mit Daten, mit Dingen oder mit Ideen?
- Mögen Sie klare Abläufe oder Abwechslung und Improvisation?
- Arbeiten Sie lieber allein und konzentriert oder im ständigen Austausch?
- Gibt Ihnen ein sichtbares Ergebnis am Ende des Tages Energie?
Ein Beispiel: Sara, Steuerfachangestellte, stellt fest, dass sie sich jeden Monat auf die Gespräche mit Mandanten freut, aber die eigentliche Buchhaltung als Pflicht empfindet. Das ist ein Hinweis, dass Beratung eine wichtigere Rolle spielen sollte als die reine Sachbearbeitung.
Methode 2: Interessen strukturiert erfassen
Ein verbreitetes Modell in der Berufsberatung geht auf den US-Psychologen John Holland zurück. Es ordnet Interessen sechs Bereichen zu: praktisch-technisch, forschend, künstlerisch, sozial, unternehmerisch und ordnend-verwaltend. Die meisten Menschen haben zwei oder drei Schwerpunkte. Viele Interessentests bauen auf diesem oder einem ähnlichen Ansatz auf.
Der Nutzen liegt weniger im Etikett als in der Richtung: Wer stark sozial und unternehmerisch orientiert ist, findet sich eher im Vertrieb, in der Personalarbeit oder in der Beratung wieder als im Labor.
Methode 3: Seriöse Berufstests nutzen
Online-Tests sind ein guter Startpunkt, wenn Sie sie richtig einordnen. Sie liefern Vorschläge, keine Urteile. Kostenlose und seriöse Angebote aus öffentlicher Hand gibt es in allen drei Ländern:
- Deutschland: Mit Check-U der Bundesagentur für Arbeit erstellen Sie aus mehreren Tests und Selbsteinschätzungen ein Kompetenzprofil. Es wird mit mehr als 600 Ausbildungsberufen und über 360 Studienfeldern abgeglichen. Der Test ist kostenlos, anonym, dauert etwa 80 Minuten und lässt sich unterbrechen. Berufserfahrung berücksichtigt er nicht. Für Berufstätige gibt es New Plan, das auf Basis Ihrer Erfahrung Weiterbildungen und Tätigkeiten vorschlägt.
- Österreich: Der AMS Berufskompass erfasst Interessen, Persönlichkeit, Stärken und Erwartungen an den Beruf und liefert Berufsvorschläge, auch für Erwachsene beim Wiedereinstieg oder Berufswechsel.
- Schweiz: Auf berufsberatung.ch finden Sie Berufsinformationen und den Zugang zu den kantonalen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatungen.
Ergänzend können Sie mit unserem kostenlosen Berufseignungstest Ihre beruflichen Stärken einschätzen. Einen Überblick über verschiedene Testarten gibt der Leitfaden zu Karrieretests.
Ein Tipp aus der Praxis: Machen Sie zwei verschiedene Tests und vergleichen Sie die Ergebnisse. Berufe, die in beiden auftauchen, verdienen einen genaueren Blick.
Methode 4: Werte klären
Zwei Menschen mit identischen Interessen können in völlig unterschiedlichen Berufen glücklich werden, weil ihnen andere Dinge wichtig sind. Die eine braucht Sicherheit und einen festen Feierabend, der andere sucht Freiheit und nimmt dafür Unsicherheit in Kauf.
Wählen Sie aus dieser Liste Ihre fünf wichtigsten Werte und bringen Sie sie in eine Reihenfolge: Sicherheit, Einkommen, Sinn, Anerkennung, Selbstbestimmung, Abwechslung, Teamarbeit, Kreativität, Work-Life-Balance, Entwicklungsmöglichkeiten, Status, Nähe zum Wohnort.
Prüfen Sie dann jeden Berufsvorschlag dagegen. Ein Beruf, der Ihre Interessen trifft, aber Ihren wichtigsten Wert verletzt, wird auf Dauer nicht passen. Der kostenlose Karrierewerte-Test hilft bei der Einordnung.
Methode 5: Mit Menschen aus dem Beruf sprechen
Berufsbeschreibungen zeigen, was ein Beruf sein soll. Gespräche zeigen, was er ist. Suchen Sie für jeden Beruf auf Ihrer Liste zwei Personen, die ihn ausüben, über Freunde, ehemalige Kollegen, Alumni-Netzwerke oder berufliche Plattformen wie XING und LinkedIn. Bitten Sie um 20 Minuten.
Gute Fragen für so ein Gespräch:
- Wie sieht ein ganz normaler Dienstag bei Ihnen aus?
- Was hat Sie am Beruf überrascht, positiv wie negativ?
- Was nervt Sie regelmäßig?
- Welche Menschen sind in diesem Beruf zufrieden, welche eher nicht?
- Wie sind Sie eingestiegen, und würden Sie es heute anders machen?
Die Antwort auf die Frage nach dem, was nervt, ist oft die wertvollste. Wenn Sie damit gut leben können, ist das ein starkes Zeichen.
Methode 6: Ausprobieren, bevor Sie sich festlegen
Die zuverlässigste Methode ist praktische Erfahrung. Je nach Lebenssituation bieten sich an:
- Praktikum oder Hospitation: auch für Erwachsene möglich, etwa im Urlaub oder in Absprache mit dem Arbeitgeber
- Probearbeiten: in vielen Handwerks- und Dienstleistungsberufen üblich
- Ehrenamt: zum Beispiel in der Jugendarbeit, wenn Sie über einen sozialen Beruf nachdenken
- Kleines Projekt: eine Website bauen, einen Verein bei der Buchhaltung unterstützen, ein Event organisieren
- Kurzer Kurs: ein Wochenendseminar oder Online-Kurs zeigt, ob Ihnen die Inhalte liegen
Die Realitätsprüfung: Voraussetzungen, Verdienst, Arbeitsmarkt
Bevor Sie sich festlegen, prüfen Sie jeden Favoriten an drei nüchternen Punkten:
Voraussetzungen: Brauchen Sie einen bestimmten Abschluss, eine Ausbildung oder eine Zulassung? In manchen Berufen, etwa in Gesundheit, Erziehung oder im Handwerk mit Meisterpflicht, führt kein Weg an der formalen Qualifikation vorbei. In anderen Feldern, zum Beispiel im Vertrieb, im Kundenservice oder in Teilen der IT, zählen Erfahrung und nachweisbare Fähigkeiten oft mehr als der Abschluss. Die Berufsbeschreibungen im BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit, im Berufslexikon des AMS oder auf berufsberatung.ch nennen die üblichen Zugangswege.
Verdienst: Informieren Sie sich über die übliche Gehaltsspanne für Einsteiger und Erfahrene, und zwar für Ihre Region. Zwischen Bundesländern, Branchen und Unternehmensgrößen gibt es oft deutliche Unterschiede.
Arbeitsmarkt: Gibt es in Ihrer Region ausreichend Stellen? Eine schnelle Suche in den großen Jobbörsen zeigt, wie viele Anzeigen es aktuell gibt und welche Anforderungen immer wieder auftauchen.
Ein Beruf, der alle drei Prüfungen besteht und zu Ihren Interessen und Werten passt, ist ein starker Kandidat.
So kombinieren Sie die Methoden
Ein Ablauf über etwa drei Monate hat sich bewährt:
| Woche | Methode | Ergebnis |
|---|---|---|
| 1–2 | Energie-Liste führen | Muster bei Tätigkeiten |
| 3 | Zwei Berufstests, Werte-Rangliste | Eine Liste von fünf bis zehn Berufen |
| 4–5 | Recherche zu Aufgaben, Voraussetzungen, Verdienst | Drei Favoriten |
| 6–9 | Je zwei Gespräche pro Favorit | Ein bis zwei Favoriten |
| 10–12 | Hospitation, Kurs oder Projekt | Entscheidung oder bewusst begründete Pause |
Wenn Sie danach noch unsicher sind, lohnt sich eine persönliche Beratung. In Deutschland ist die Berufsberatung im Erwerbsleben der Bundesagentur für Arbeit für Berufstätige freiwillig, vertraulich und kostenlos. In der Schweiz haben Personen ab 40 mit viamia Anspruch auf eine kostenlose Standortbestimmung.
Typische Denkfehler
- „Ich muss meine Leidenschaft finden.“ Interesse wächst oft erst mit Erfahrung und Können.
- „Das ist doch kein richtiger Beruf.“ Viele Tätigkeiten haben unscheinbare Namen und sind trotzdem gefragt.
- „Dafür bin ich zu alt.“ Berufserfahrung ist bei einem Wechsel meist ein Vorteil, kein Hindernis.
- „Ich warte, bis ich mir sicher bin.“ Sicherheit entsteht durch Ausprobieren, nicht durch Abwarten.
Checkliste
- Energie-Liste mindestens zwei Wochen geführt
- Zwei unterschiedliche Berufstests gemacht und verglichen
- Fünf wichtigste Werte in Reihenfolge gebracht
- Drei Favoriten recherchiert: Aufgaben, Voraussetzungen, Verdienst
- Pro Favorit mindestens zwei Gespräche geführt
- Mindestens eine praktische Erfahrung gesammelt
- Bei Bedarf Termin für eine Berufsberatung vereinbart
Wenn die Richtung feststeht, folgt der Wechsel selbst. Was Sie bei Bewerbungen in einem neuen Feld erwartet, lesen Sie im Beitrag zu Eignungstests beim Berufswechsel. Mit dem Bewerbungstraining mit Interviewfragen und allen Tests bereiten Sie sich auf Auswahlverfahren vor.
Häufige Fragen
Welcher kostenlose Berufstest ist seriös?
In Deutschland bietet die Bundesagentur für Arbeit mit Check-U einen kostenlosen, anonymen Test an, der Ihr Kompetenzprofil mit Ausbildungsberufen und Studienfeldern abgleicht. In Österreich gibt es den AMS Berufskompass, in der Schweiz die Angebote auf berufsberatung.ch.
Kann ein Test mir sagen, welcher Beruf der richtige ist?
Nein, ein Test liefert Hinweise und Vorschläge, aber keine Entscheidung. Er ist ein guter Ausgangspunkt, den Sie mit Gesprächen, Recherche und praktischen Erfahrungen überprüfen sollten.
Was mache ich, wenn mich viele Berufe interessieren?
Suchen Sie nach dem gemeinsamen Nenner, etwa „Menschen beraten“ oder „Dinge bauen“. Testen Sie dann zwei bis drei Optionen praktisch, bevor Sie sich festlegen.
Ist es mit 30 oder 40 zu spät, den passenden Beruf zu finden?
Nein. Mit Berufserfahrung kennen Sie Ihre Stärken und Abneigungen oft besser als mit 18. Für Berufstätige gibt es eigene Angebote wie die Berufsberatung im Erwerbsleben der Bundesagentur für Arbeit oder viamia in der Schweiz.
Wie wichtig ist das Gehalt bei der Berufswahl?
Das hängt von Ihren Werten und Ihrer Lebenssituation ab. Klären Sie, welches Einkommen Sie mindestens brauchen, und prüfen Sie die Verdienstmöglichkeiten im Zielberuf, bevor Sie sich entscheiden.
Über den Autor
Ingmar van Maurik ist Spezialist für die Vorbereitung auf Einstellungstests und Vorstellungsgespräche und unterstützt Bewerberinnen und Bewerber dabei, in Auswahlverfahren besser abzuschneiden.
